Wenn Bürger mitdenken: Wie Zukunftswerkstätten defizitäre Freizeitinfrastruktur neu denken
Freibäder, Hallenbäder, Sportstätten: Viele Kommunen betreiben Freizeitinfrastruktur, die sie sich eigentlich nicht leisten können – und die sie trotzdem nicht aufgeben wollen. Das Dilemma ist bekannt. Weniger bekannt ist, wie man aus ihm herauskommt.
Eine Zukunftswerkstatt in Benediktbeuern zeigt, was möglich ist, wenn Bürgerinnen und Bürger nicht nur informiert, sondern wirklich eingebunden werden.
Ein strukturelles Problem, das viele Kommunen kennen
Das Alpenwarmbad Benediktbeuern ist beliebt. Es ist Teil der lokalen Identität, Treffpunkt für Familien, Sportler und Erholungssuchende. Und es kostet die Gemeinde jedes Jahr rund 500.000 Euro. Steigende Energie- und Personalkosten, ein sanierungsbedürftiges Gebäude, eine Gastronomie unter Druck: Das Bild ist exemplarisch für Dutzende ähnliche Einrichtungen in Bayern und bundesweit.
Die klassische Reaktion: interne Arbeitsgruppen, Gutachten, politische Diskussionen hinter verschlossenen Türen – und am Ende eine Entscheidung, die niemanden wirklich überzeugt. Benediktbeuern hat einen anderen Weg gewählt.
Bürgerbeteiligung ernst nehmen – nicht nur symbolisch
Rund 70 Bürgerinnen und Bürger sind an einem Montagabend Anfang Mai der Einladung zur Zukunftswerkstatt gefolgt. Der Abend war der zweite Schritt eines bewusst zweistufigen Prozesses: Zwei Wochen zuvor hatte bereits eine öffentliche Begehung des Bades stattgefunden — um die relevanten Themenbereiche gemeinsam zu erschließen und möglichst vielen Menschen die Teilnahme an mindestens einem der beiden Termine zu ermöglichen. Die meisten kamen zu beiden.
Keine Pflichtveranstaltung. Kein politisches Ritual. Sondern Abende, an dem echte Fragen auf den Tisch kamen: Was macht diese Anlage für unterschiedliche Zielgruppen attraktiv? Wie lassen sich Kosten senken, ohne die Qualität zu opfern? Welche Kooperationen sind denkbar?
Das Ergebnis: rund 150 Ideen in gut einer Stunde. Konzerte und Kinoabende auf dem Gelände. Camping-Stellplätze. Wassergymnastik und Leistungsschwimmer-Training. Photovoltaik. Ein Förderverein. Ehrenamtliche Helfer. Die Bandbreite zeigt, was Bürgerinnen und Bürger leisten können, wenn man ihnen den richtigen Rahmen gibt.
Lesen Sie auch den Artikel vom 6.5.2026 im Tölzer Kurier: Hier der Link: „150 Ideen und viele offene Fragen"
Was eine Zukunftswerkstatt von einer Bürgerversammlung unterscheidet
Der Unterschied liegt nicht im Format, sondern in der Haltung. Eine Zukunftswerkstatt funktioniert nur dann, wenn drei Bedingungen erfüllt sind:
Erstens: Transparenz vor der Tür. Die Teilnehmenden brauchen belastbare Grundlagen – keine geschönten Zusammenfassungen. In Benediktbeuern lagen Zahlen zu Einnahmen, Ausgaben, Energieverbrauch und Eintrittspreisen offen auf dem Tisch. Wer mitreden will, muss wissen, worüber er redet.
Zweitens: keine Denkverbote. Eine Idee ist zunächst eine Idee – keine Beschlussvorlage. Wer Kreativität einfordert, muss auch ungewöhnliche Vorschläge aushalten. Die Bewertung kommt später.
Drittens: eine Struktur, die trägt ohne zu dominieren. Eine Zukunftswerkstatt ist kein moderiertes Chaos. Sie braucht einen klaren Rahmen – und das Vertrauen, dass die Teilnehmenden ihn selbst mit Leben füllen.
Wie der Abend konkret funktioniert hat
In Benediktbeuern arbeiteten die Teilnehmenden an vier thematischen Stationen:
- Nebensaison und Schlechtwetter
- Neue Besuchsanlässe
- Zielgruppen und Kooperationen sowie
- Gesellschaftlicher Wert und Akzeptanz.
Eine Infowand mit Zahlen und Vergleichsdaten gab den sachlichen Rahmen.
Jede Station hatte drei Leitfragen — und Platz für Kärtchen. Pro Idee ein Kärtchen. Keine Diskussion an der Wand, keine Selbstzensur. Die Teilnehmenden bewegten sich im eigenen Tempo durch die Stationen, blieben 10 bis 15 Minuten — so lange, wie das Thema sie hielt.
Was dabei oft unterschätzt wird: Die wertvollsten Momente entstanden zwischen den Stationen. In den Gesprächen auf dem Weg von A nach B wurden Ideen weitergedacht, verknüpft, konkretisiert — und dann doch noch auf einen Kärtchen festgehalten.
Was jetzt kommt – und warum der nächste Schritt entscheidend ist
150 Ideen sind kein Ergebnis. Sie sind Rohstoff. Die eigentliche Arbeit beginnt danach: Eine Arbeitsgruppe wird die Vorschläge sichten, bündeln und auf Machbarkeit prüfen. Fördertöpfe wollen identifiziert, Kooperationspartner angesprochen werden. Und am Ende trifft der Gemeinderat eine Entscheidung – unter den Rahmenbedingungen der Finanzen.
Dass dieser Prozess Wirkung entfaltet, zeigt sich bereits: Eine Idee aus der Werkstatt nimmt konkret Gestalt an. Bürgerinnen und Bürger haben sich zu einem Unterstützerkreis zusammengefunden — ein Förderverein soll das Alpenwarmbad künftig finanziell und ehrenamtlich stärken.
→ Link zum Artikel im Tölzer Kurier vom 7.6.2026: „Unterstützerkreis formiert sich"
Was bleibt, ist mehr als eine Ideensammlung: Es ist das Signal an die Bürgerinnen und Bürger, dass ihre Stimme zählt. Und es ist die Grundlage für eine Entscheidung, die – wie immer sie ausfällt – auf einem breiteren Fundament steht als eine rein verwaltungsinterne.
Fazit: Bürgerbeteiligung als strategisches Instrument
Defizitäre Freizeitinfrastruktur ist kein lokales Problem – sie ist eine kommunalpolitische Daueraufgabe in ganz Deutschland.
Zukunftswerkstätten bieten keinen Automatismus und keine Patentlösung. Aber sie schaffen etwas, das viele Planungsprozesse vermissen lassen: echte Beteiligung, die Ideen freisetzt und Verantwortung teilt.
Was dabei oft unterschätzt wird: Ein gut gestalteter Beteiligungsprozess verändert nicht nur die Qualität der Ergebnisse — er verändert auch die Stimmung. Bürgerinnen und Bürger, die gehört wurden, tragen Entscheidungen anders mit. Auch dann, wenn nicht jede ihrer Ideen umgesetzt wird.
Das ist kein weicher Faktor. In Zeiten knapper Kassen und wachsender Skepsis gegenüber kommunalpolitischen Entscheidungen ist Akzeptanz ein handfestes strategisches Ziel.
Wir bei destination to market unterstützen Kommunen und Destinationen dabei, solche Prozesse zu konzipieren und zu moderieren – von der Vorbereitung bis zur Auswertung.

Austausch
Mehr zu unserer Arbeit in der strategischen Destinationsentwicklung und Tourismusstrategie finden Sie hier: Leistungen.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.destinationtomarket.de/fachimpulse.
















