Overtourism und Besucherlenkung im Wintertourismus

Lockdown und Besucherlenkung im Wintertourismus
Das Skigebiet in Lenggries während des Lockdowns 2021

Reisende soll man nicht aufhalten – ein altes deutsches Sprichwort. Doch wie gelingt es Tourismusregionen, ihre Besucher auch im Winter dorthin zu lenken, wo sie sicher und mit Abstand erholsame Stunden in der freien Natur verbringen können?

Was uns der COVID-19-bedingte Lockdown bisher lehrte

Der noch nie dagewesene Ansturm von Besuchern zwischen dem Jahreswechsel hat gezeigt: Gerade in den sehr herausfordernden Zeiten eines COVID-19-bedingten Lockdowns suchen Menschen nach einem Ausgleich zu ihrem Alltag. Kann dieser nicht in ihrem unmittelbaren direkten Umfeld erfolgen, weil z.B. Geschäfte oder die Gastronomie geschlossen sind, streben sie dorthin, "wo was offen“ ist: Im aktuellen Fall des Lockdowns ist das der Naturraum rund um den jeweiligen Lebensmittelpunkt. Für Bewohner von Großstädten ist das häufig der Naherholungsraum in nächster Nähe der jeweiligen Metropolregionen.


Metropolregionen und ihre ganz besondere Herausforderung der Besucherlenkung

Lebt man in einer Region wie der Metropolregion München, so bewegt man sich in Richtung eines 1-2 Stunden entfernt liegenden Naherholungsraums. Jetzt im Winter ist das Thema Schnee relevant. Es gibt wissenschaftliche Abhandlungen über den Zusammenhang von Schnee und Tourismus und wie das alles mit der Sehnsucht nach „idyllischer Landschaft“ und menschlicher Reisemotivation zusammenhängt. Auf diese Inhalte gehe ich hier allerdings nicht näher ein – kontaktieren Sie mich jedoch gerne, wenn Sie das Thema näher interessiert. Nur so viel: Die Sehnsucht nach Schnee bedeutet nicht unbedingt ausschließlich Skifahren, den meisten genügt bereits der Aufenthalt in besagter weißer, „idyllischer“ Landschaft. 

Wintertourismus Overtourismus
Skitourengeher am Brauneck. Eigene Aufnahme.

So geschieht es auch seit dem Jahreswechsel 2020/2021 und es zieht die Menschen in die nahe gelegenen Tourismusregionen. Diese sollen die Wünsche nach „idyllischer Landschaft“ erfüllen. Und genau dort kommt es zu einer Ansammlung von Menschen, die so nicht vorgesehen ist und dem Begriff einer „Idylle“ wohl nicht mehr ganz entspricht.

Die Zeitungsmeldungen über "zu viele Menschen in den Skigebieten" melden mit unterschiedlichem Tenor regelmäßig aus den Landkreisen, exemplarisch zwei Beiträge aus meinem Umfeld: 


Besucherlenkung klappt nur, wenn die Motivation und Bedürfnisse der zu lenkenden Zielgruppe erkannt werden

Schon im Jahr 2014 widmete ich mich in meinem bis heute meistgelesenen Blogartikel dem Thema, was Menschen wie Sie und mich in ihrer Freizeit suchen. Was treibt uns an, welche Motivation für Reisen – in diesem Fall Tagesausflüge – haben wir? Was suchen wir, was wir nicht unmittelbar vor der Haustür finden? Wie geht es den Menschen, die eben nicht in idyllischer Lage und in unmittelbarer Nähe von unberührter Natur leben, und die nun in Strömen in die Naherholungsgebiete und Tourismusregionen kommen? Können „die da draußen auf dem Land“ denn nachvollziehen, wie wichtig ein Tagesausflug für so manchen Großstädter ist? 

Ganz akut entstehen durch den unerwarteten Andrang von Ausflugsgästen (nicht nur) seit der Jahreswende chaotische Verhältnisse, und schnell fühlen sich auch die Einheimischen benachteiligt, denn sie können aufgrund des starken Andrangs nun selbst nicht mehr ihre nächste Umgebung genießen. 

Mit Verlaub stelle ich eine Frage in den Raum: Wem gehört unser Raum und unsere Natur? Wer ist der „bessere“ Nutzer? Ist der Einheimische im Vorzugsrecht gegenüber eines Großstädters? Hierzu könnte man viel philosophieren. In der Realität ufert die aktuelle Stimmungslage im Münchner Oberland teilweise in Beschimpfungen von „auswärtigen“ Kennzeichen aus oder in Schildern am Ortseingang wie bei Miesbach, welche die Tagesausflügler aus München nicht unbedingt willkommen hießen. Mein Eindruck: Schon etwas verrückt das alles.

Spannenderweise fährt die Tourismusregion Tölzer Land seit geraumer Zeit eine Imagekampagne "Pro Tourismus": Charmant miteinand. Ich finde diese sehr gelungen, allerdings hilft sie in der aktuellen Situation nicht unmittelbar, da aufgrund der Schließung der Betriebe die Vorteile des Tourismus nicht eintreten können. 


Es ist offensichtlich: Es braucht ein Konzept und sowohl sach- als auch fachkundige Bearbeitung des Themas Freizeitverkehr. Ganz akut für die aktuelle Situation und auch für die Zukunft.

Wie können Touristiker und politische Entscheider in Tourismusregionen Lösungen für das Phänomen des Overtourism finden?

Wem gehört die Piste und wer kontrolliert dies in Zeiten des Lockdowns? Eigene Aufnahme.
Wem gehört die Piste und wer kontrolliert dies in Zeiten des Lockdowns? Eigene Aufnahme.

Folgende Fragen sollten ehrlich beantwortet werden: Sind es wirklich nur die Menschen, die „einfach nicht daheim bleiben können“, oder könnten auch fehlende leitende Infrastrukturen, längst fällige Mobilitätskonzepte für die Verbindung von urbanen Räumen mit deren Umland oder eine bisher immer noch nicht ausreichende gezielte Angebotsentwicklung die Ursache für das gefühlt unkontrollierte Freizeitverhalten sein? Gibt es bereits Konzepte, welche die Bedürfnisse aller Nutzer einschließen? 

Die Skipisten haben geschlossen. Das unerwünschte Resultat: Sie werden dennoch benutzt. Doch all dieser Betrieb erfolgt ohne ausreichendes Personal, ohne ein auf die Bedürfnisse der Einzelnen abgestimmtes Wegekonzept, ohne eine ausreichende Versorgung durch die Gastronomie, ohne Sicherheitskonzepte im Falle von Unfällen auf den vereisten Hängen.

Aktuell sind Tourengeher, Rodler, Spaziergänger, sportliche und nicht-sportliche Wintergäste, Aufsteigende und Abfahrende… alle sind sie gemeinsam auf den eigentlich geschlossenen Skipisten unterwegs. In Zeiten eines Skibetriebs wäre es jedoch undenkbar, Aufsteigende und Abfahrende auf einer Piste zuzulassen. Geschweige denn verschiedene Bewegungsarten. 

Drastische Maßnahmen wie Betretungsverbote für Skipisten und Rodelhänge, die Sperrung von Zufahrtsstraßen und Parkplätzen werden nun deutschlandweit umgesetzt. Aber macht die Sperrung der Skipisten wirklich Sinn? Denn im Prinzip ist das bereits Lenkung: Alle gebündelt auf einem Fleck und ohne große Streuverluste in die nahe Umgebung. Aber: Es gibt kein Lenkungskonzept. Und nur selten ein Konzept für Wertschöpfung.


Sind Parkplatzgebühren ein Lenkungsinstrument?

Ja, man kann damit auch mit dem im bayerischen Oberland häufig "ungeliebten" Tagesausflügler Wertschöpfung erzielen. Positive Beispiele aus Garmisch-Partenkirchen zeigen, dass eine Parkplatzgebühr von 15 Euro gerne bezahlt wird, wenn Basisinfrastruktur wie Toiletten benutzt werden dürfen und es klar ist, wo der naturnahe Freizeitbereich zu finden ist (in dem Fall war das die offizielle Öffnung einer Skipiste für Skitourengeher). 

Auch am Brauneck in Lenggries kostet seit 2.1.2021 das Parken an der Gondelbahn 5 Euro. Zu Hochzeiten zählt man rund 2.500 parkende Fahrzeuge am Tag, weit mehr als im regulären Skibetrieb. Damit kann zumindest einen Bruchteil der auch im Leerlauf anfallenden Kosten refinanziert werden. Und vielleicht kann der eine oder andere davon abgehalten werden, mit mehr als einem Fahrzeug anzureisen.

Wintertourismus Besucherlenkung
Morgen um 7.30 Uhr am Brauneck. Eigene Aufnahme.

Digitale Lenkung: Ausflugsticker löst das Problem des Besucherandrangs nur bedingt

Ausflugsticker Oberbayern Besucherlenkung
Der Ausflugsticker von Tourismus Oberbayern München. Quelle: www.oberbayern.de/ausflugs-ticker/

Interessant ist ein Blick auf den Ausflugsticker von Tourismus Oberbayern München. An diesen wurden bereits im Herbst sehr hohe Erwartungen gestellt. Meiner Meinung nach wird er jedoch nicht das gewünschte Ergebnis liefern. Warum? Weil es keine ausreichende Anzahl von Angeboten gibt, wohin in diesem Ausflugsticker gelenkt werden soll. 

Aktuell gibt es im Ausflugsticker - speziell für die Situation jetzt im Winter - nur wenige Angebote, die aktiv kommuniziert werden. Besonders herausstechend dabei ist jedoch das Engagement der Alpenregion Tegernsee Schliersee, die zumindest einige wenige Alternativrouten außerhalb der gängigen „Hot Spots“ anbietet. Der Tenor im Ausflugsticker lautet ansonsten: Bleibt zuhause. Aber die Menschen bleiben einfach nicht zuhause. 


Mein Tipp für Ihre nächsten Tourismuskonzepte und Tourismusstrategien

Ich möchte dazu einen Auszug aus dem aktuellen Newsletters von TN-Deutschland anführen. Winfried Borgmann, Geschäftsführer der Winterberg Touristik und Wirtschaft GmbH, sagt im dortigen Interview: „Wir sind es bei uns eigentlich gewohnt, viel Verkehr und Gäste zu lenken. Das Problem jetzt ist, dass wegen fehlender Alternativen aufgrund des Lockdowns on top Menschen nach Winterberg kommen, die sich vorher nie für Rodeln und Schnee interessiert haben." Maßnahmen zur Besucherlenkung hätten deshalb weiträumiger über das ganze Sauerland hinweg koordiniert werden müssen. Dafür habe „aber schlicht die Zeit gefehlt". Überkommunale Abstimmungen seien „bekanntlich nicht ganz einfach“.“ (Quelle: TN-Deutschland News vom 5.1.2021) 

Es ist eigentlich klar, was es für uns im Tourismus in den kommenden Jahren zu tun gilt:

  1. Wie auch in der Vergangenheit geht es darum, nachfrageorientierte Angebote und infrastrukturelle Maßnahmen mit dem Ziel einer positiven, wohlwollenden Besucherlenkung zu schaffen.
  2. Dies jedoch von Anfang an überregional und im Sinne aller Nutzergruppen gedacht und entsprechend kommuniziert.
  3. Die Einbindung aller Interessensvertreter durch sorgsames Stakeholdermanagement und Beteiligungsprozesse, die fachkundig gestaltet und geleitet werden. 


Tourismuskonzepte von Menschen für Menschen - das ist unser Motto. Wir kennen die Bedürfnisse der Gäste und Nutzer und entwickeln darauf passende touristische Angebote. 

 

Sie haben Interesse an weiteren Informationen? Bitte kontaktieren Sie uns!

 

Tanja Brunnhuber

Geschäftsführerin

destination to market

www.destinationtomarket.de

Folgen Sie mir auf LinkedIn und Facebook!

Tourismusmarketing von Menschen für Menschen - destination to market
Tanja Brunnhuber, Geschäftsführerin