Erlebnisdesign im Alpenraum

Erlebnisdesign im Alpenraum

Kürzlich hat mich im Rahmen meiner Tätigkeit als Unternehmensberatung für Mountainbike Tourismus eine Broschüre einer nahe gelegenen alpinen Destination etwas nachdenklich gemacht. Dort gibt es für Familien schier unbegrenzte Möglichkeiten, mit Kindern den Tag zu gestalten. Wasserparks und Themenwelten auf dem Gipfelplateau, Wettkampfparcours für Kids und "einzigartige" Erlebniswelten stehen für die ganze Familie bereit. 

 

Als Tourismusmarketing-Expertin mit Blick auf nachhaltigen Tourismus und sinnvolle Produktentwicklung fragte ich mich: Ist das wirklich Familienurlaub und nachhaltig im Sinne von langanhaltender positiver Erinnerung?



Ich habe das anders erlebt:

 

Mit meinen Eltern und meinem Bruder bin ich als Kind ausschließlich in die Berge in den Urlaub gefahren. Fast 15 Jahre lang in den gleichen Ort und zum gleichen Bauernhof. Übernachtet haben wir in einem einfachen Zimmer mit Dusche und WC auf dem Flur und wenn wir nicht unterwegs waren, haben wir im Stall „geholfen“ und mit den Kindern vom Hof gespielt. Die ältere Tochter vom Hof war für mich ein musikalisches Vorbild in Sachen Musizieren – somit habe ich mit 10 Jahren angefangen, „auch“ Hackbrett zu spielen. Und tue das heute noch gerne.

 

Wenn wir unterwegs waren, dann war das ein Erlebnis! Der Vater hat für uns Brustgurt und „Reepschnürl“ eingepackt, was für mich und meinen Bruder immer schon bedeutete: Heute wird es spannend! Rucksack, Brotzeit und Getränke trugen wir ganz alleine. Laufen mussten wir selber, getragen wurde niemand. Wir sind geklettert, gekraxelt, über Bäche gesprungen, haben „Pferdchen“ gespielt, Dämme gebaut, Pilze gesammelt, Blumen inspiziert und stets Ausblick nach den seltenen Edelweiß und Enzian gehalten. Die wurden damals noch nicht in Blumenkästen kultiviert.



Der Vater war unser Vorbild und alpiner Held! Die beste Geschichte meines Vaters war, wenn wir im Bergwald unterwegs waren: „Habt Ihr auch etwas Salz eingepackt?“ Mein Bruder und ich ganz selbstverständlich: „Natürlich! Denn Du hast ja gesagt: Wenn wir ein Reh sehen, dann streuen wir ihm etwas Salz auf den Rücken und dann bleibt das Reh bei uns stehen!“.

 

Diese kleine eigene Geschichte holte mich beim Lesen der Broschüre wieder ein. Ich bin heute im Tourismusmarketing und in der touristischen Produktentwicklung tätig und habe mich gefragt: Wie viel "Erlebnisdesign" und Erlebnis-Inszenierung braucht eine Familie, um einen eindrucksvollen Urlaub für Kinder und Eltern zu gestalten? Brauchen wir wirklich von Eventmanagern gestaltete Spielplätze und täglich variierendes Rahmenprogramm rund um Erlebnisparcours und Themenparks? Wie viel Kinderanimation, Kindergartentanten in Hotels und Rund-um-die-Uhr-Service benötigt eigentlich eine Familie, die miteinander Familienurlaub machen möchte? Wo bleiben Authentizität und Regionalität und sozio-kulturelle Nachhaltigkeit? Welcher Wert - im traditionellen Sinne - wird dabei tatsächlich geschöpft?



Vielleicht wäre es sinnvoll, Familien und Eltern zu zeigen, wie sie die Zeit mit ihren Kindern aktiv gestalten können. Es gibt dazu schon viele tolle Angebote, wie beispielsweise Aktivurlaub mit Kindern wo ein Familienfloß gebaut wird oder Familiencamps mit Kanutouren und Schatzsuche. Der eigenen Kreativität sind keine Grenzen gesetzt und auch „nur“ eine Wanderung oder Fahrradtour kann so spannend gestaltet sein, dass die Kinder gleich wieder losziehen wollen.



Das Handelsblatt hat sich diesem Thema am 7.7.2015 gewidmet. Dort ist mit dem Titel "Die Alpen werden zum Freizeitpark" zu lesen:

"Wandern war gestern, die Urlauber in den Bergen wollen unterhalten werden.

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„Die Erwartungshaltung der Leute steigt“, meint (Gernot) Paesold (von der Zillertal Tourismus GmbH, ergänzt durch die Autorin).. 1000 Kilometer Wanderwege im Zillertal sind schon lange nicht mehr genug. Aus dem Talspaziergang ist mit den Jahren ein Kräuterwanderweg mit Schautafeln geworden, aus dem Ausflug zu den Moorseen auf Halbhöhenlage die Sonnenaufgangswanderung für Hobbyfotografen. Einfach so mit der Karte in der Hand drauf los laufen war gestern. „Die Gäste wollen gecoacht werden“, meint Paesold nüchtern. Radausflüge haben sich so zu E-Mountainbike-Genusstouren verwandelt. Die Alpen werden zum Freizeitpark einer touristischen Unterhaltungsindustrie.

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So wie im Zillertal ist es fast überall in den Alpen. Die Touristen wollen unterhalten werden, und die Dörfer rüsten auf. „Die Verweildauer der Gäste sinkt“, meint der Unternehmensberater Franz Schmid-Preissler. „In der Kürze der Zeit aber möchten die Leute möglichst viel erleben.“ Drei, vier Tage, viel länger bleibt so mancher Gast nicht mehr an einem Ort."

Hier können Sie den Handelsblatt Artikel vollständig lesen.

 

Weiterführendes zum Thema finden Sie im ebenfalls empfehlenswerten Buch von Karl Stankiewitz mit dem Titel „Wie der Zirkus in die Berge kam. Die Alpen zwischen Idylle und Rummelplatz.“ (Link zum Buch)



Ich bin jedenfalls froh und sehr dankbar, dass meine Eltern kreativ genug waren, um uns mit den kleinsten Dingen „aus der Reserve“ zu locken. Und denke immer noch, wenn wir im Wald unterwegs sind: Ob wir wohl ein Reh sehen und wenn ja, wo ich im Fall der Fälle dann das Salz hätte.



Sie sind interessiert an weiterführenden Informationen zu Tourismusmarketing und Produktentwicklung oder unserem Unternehmen? Bitte kontaktieren Sie uns hier!

 

Tanja Brunnhuber

Geschäftsführerin

destination to market

TOURISMUSMARKETING & CONSULTING

www.destinationtomarket.de



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